Band 1 · Geschichten und Verse

Wer er war – warum Geschichten

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Wer er war

Dschalal ad-Din Muhammad wurde 1207 im Osten der islamischen Welt geboren, im heutigen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Tadschikistan.

Sein Vater war Prediger und Rechtsgelehrter. Als die Mongolen näher kamen, zog die Familie nach Westen und blieb schließlich in Konya, in Anatolien. Dort trug er den Beinamen, unter dem ihn die Welt kennt: Rumi, der aus dem Land der Rum.

Er wurde ein geachteter Gelehrter, hielt Vorlesungen, hatte Schüler. Bis er im Jahr 1244 einem wandernden Derwisch begegnete, Schams aus Tabris.

Was genau zwischen den beiden geschah, weiß niemand sicher. Aber der Gelehrte hörte auf zu lehren, und der Dichter fing an. Als Schams verschwand, blieben die Verse.

In seinen letzten Jahren diktierte er das Mesnevi. Sechs Bücher, mehr als fünfundzwanzigtau-

send Doppelverse. Er sprach beim Gehen; Hüsameddin Tschelebi schrieb mit.

Er starb am 17. Dezember 1273. Seine Leute nennen diese Nacht nicht seinen Todestag, sondern die Hochzeitsnacht.

Warum Geschichten

Das Mesnevi ist kein Buch, das jemand hingesetzt und geschrieben hat. Es ist ein Unterricht, der aufgeschrieben wurde.

Der Name bezeichnet eine Form: Doppelverse, bei denen sich die beiden Hälften einer Zeile aufeinander reimen. Anders als das Gasel, das nach wenigen Versen zu Ende ist, kann diese Form endlos weitergehen. Genau das tut sie. Sechs Bücher, mehr als fünfundzwanzigtausend Doppelverse.

Angefangen hat es damit, dass Hüsameddin ihn bat, für die Schüler etwas aufzuschreiben, woran sie sich halten könnten. Nach dem ersten Buch brach die Arbeit für etwa zwei Jahre ab. Das zweite beginnt mit einer Bemerkung über diese

Pause. Das sechste blieb bei seinem Tod unvollendet, mitten in einer Erzählung.

Warum Geschichten und nicht Sätze? Weil ein Satz sich merken und weitergeben lässt, ohne dass jemand ihn verstanden hat. Eine Geschichte nicht. Wer den Elefanten im Dunkeln betastet, muss selbst bemerken, was ihm dabei zustößt.

Rumi erzählt auch nicht ordentlich. Er beginnt eine Geschichte, schiebt eine zweite hinein, unterbricht sich, kommentiert, kommt Hunderte von Versen später zurück. Wer das Mesnevi als Erzählband liest, verliert den Faden. Als Mitschrift eines Gesprächs gelesen, ergibt es Sinn.

Der Ton wechselt dabei ohne Warnung. Auf eine Auslegung des Korans folgt ein Bauernschwank. Auf eine zarte Stelle über die Seele folgt etwas so Derbes, dass Nicholson, sein englischer Übersetzer, solche Passagen ins Lateinische übertrug, damit sie der gebildete Leser zwar finden, der zufällige aber nicht lesen konnte.

Dieser Wechsel ist kein Ausrutscher. Für Rumi gibt es keinen Bereich, in dem Gott nicht vor-

kommt, also auch keinen, der zu niedrig wäre, um von ihm zu handeln.

In diesem Band steht davon wenig. Ausgewählt sind Geschichten, die für sich stehen können. Wer das ganze Mesnevi liest, findet ein raueres Buch.

Ein Wort noch zur Liebe, weil kein anderes bei ihm so oft missverstanden wird.

Wenn Rumi aschk sagt, meint er nicht bloß ein Gefühl. Er meint eine Kraft, die etwas mit einem macht, ob man will oder nicht, und deren Kennzeichen ist, dass man dabei weniger wird und nicht mehr. Das Rohr singt, weil man es geschnitten hat. Die Kichererbse wird gegessen, nicht gerettet.

Wen er meint, sagt er meistens nicht. Gott, Schams, den Leser. Er lässt es offen, und das ist Absicht.

Bleibt die Frage, warum jemand heute davon etwas haben sollte.

Nicht deshalb, weil Rumi immer recht hätte. Er spricht aus dem Islam des dreizehnten

Jahrhunderts heraus, und vieles darin ist von uns weit weg.

Sondern deshalb, weil seine Geschichten fast nie von Lehrsätzen handeln, sondern von Irrtümern. Jemand hält einen Teil für das Ganze. Jemand streitet über ein Wort und meint dieselbe Sache. Jemand bekämpft sein eigenes Spiegelbild. Diese Fehler überleben ihre Zeit, weil sie nicht am Glauben hängen, sondern am Wahrnehmen.

Was die einzelnen Geschichten bedeuten, steht hier nicht. Das steht in ihnen.