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Welche Religion Rumi hatte
Rumi war Muslim. Er war es von Geburt, er war es als Gelehrter, der Rechtsgutachten schrieb und in der Moschee predigte, und er war es als Dichter. Wer das Mesnevi liest, findet auf jeder Seite den Koran: als Zitat, als Anspielung, als Auslegung. Das Mesnevi ist in Persien der „Koran in persischer Sprache“ genannt worden, und Rumi hätte den Vergleich nicht als Beleidigung verstanden.
Innerhalb des Islam gehörte er zur Rechtsschule der Hanafiten, wie sein Vater, wie die meisten Muslime Anatoliens und Zentralasiens bis heute. Und er war Sufi: einer, für den das Gesetz der Anfang ist und die Erfahrung Gottes das Ziel.
Sunnit oder Schiit? Alevit?
Sunnit. Die Hanafiten sind eine der vier sunnitischen Rechtsschulen. Der Mevlevi-Orden, der aus seiner Gemeinde entstand, war und ist sunnitisch. Dass Aleviten und Bektaschis ihn verehren, liegt an der Nähe, die alle anatolischen Sufi-Wege zueinander hatten, und an Yunus Emre,
von dem Kapitel 10 handelt. Es liegt nicht daran, dass Rumi Alevit gewesen wäre.
Er war allerdings ein Sunnit, der über die Grenzen nicht viel Aufhebens machte:
Die Religion der Liebe ist von allen Religionen getrennt. Den Liebenden ist Religion und Bekenntnis: Gott.
Mesnevi II, 1770
Jesus im Mesnevi
Jesus kommt im Mesnevi häufig vor, häufiger als in jedem anderen persischen Gedicht. Er ist für Rumi, wie für den Koran, ein Prophet, der Tote erweckt, und sein Atem ist das Bild für das, was die Seele lebendig macht:
Wasser und Lehm, als sie vom Atem Jesu aßen, breiteten die Flügel aus, wurden ein Vogel und flogen.
Mesnevi I, 865
Was Rumi nicht sagt: dass Jesus Gottes Sohn sei, oder dass er am Kreuz gestorben sei. Das ist die Grenze, die der Koran zieht, und Rumi überschreitet sie nicht. Aber innerhalb dieser Grenze redet er von Jesus mit einer Wärme, die im Mittelalter selten war.
Hat Rumi fünfmal am Tag gebetet?
Ja. Die Frage kommt auf, weil man sich einen Mystiker nicht als Betenden vorstellt. Rumi hat das Ritualgebet nie infrage gestellt, und seine Gemeinde hat es neben dem Sema immer verrichtet. Was er infrage stellte, war ein Gebet ohne Herz. Die Geschichte von Moses und dem Hirten, in Band 1 erzählt, sagt dazu alles: Gott sieht nicht auf die Zunge, sondern auf das Innere.
Der Wein
Wer den Diwan aufschlägt, findet Wein auf jeder zweiten Seite. Der Wein ist in der persischen Dichtung seit dreihundert Jahren vor Rumi das Bild für die Trunkenheit der Seele, und Rumi hat es übernommen. Ob er selbst Wein getrunken hat, fragt die Überlieferung nicht einmal; für einen Gelehrten seines Ranges war das keine Frage. Im Mesnevi steht die Regel:
Ist der Wein für das gemeine Volk erlaubte Nahrung, so ist er verboten denen, die den Geliebten suchen.
Mesnevi V, 3484
Glaubte Rumi an Wiedergeburt?
Nein. Die Stelle, die dafür herangezogen wird, steht in Teil II unter „Tod“: Ich starb dem Stein und wurde zur Pflanze, ich starb der Pflanze und wurde zum Tier. Sie beschreibt nicht
eine Rückkehr auf die Erde in anderer Gestalt, sondern einen Aufstieg, der nicht zurückführt: Vom Menschen zum Engel, vom Engel zu dem, was keine Vorstellung fasst. Rumi war Muslim, und der Islam kennt keine Wiedergeburt.
Komm, komm, wer immer du bist
Der Satz steht auf Postkarten aus Konya und über dem Eingang mancher Moschee. Er steht nicht bei Rumi. In der persischen Überlieferung wird er Abu Said aus Mehne zugeschrieben, einem Sufi, der zweihundert Jahre vor Rumi starb. Dass man ihn Rumi zuschreibt, liegt daran, dass er zu ihm passt. Aber passen ist nicht dasselbe wie gesagt haben.
Die Religion der Liebe ist von allen Religionen getrennt. Den Liebenden ist Religion und Bekenntnis: Gott.
Mesnevi II, 1770